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Ziemlich geschafft vom
Leeren des Rucksackes, hatte sie sich in ihren Sessel fallen lassen &
sich erst einmal einen Drink gegeben. So saß sie nun da, mit einem Arm in
Gips. Die Knochen wieder sauberst & sämtlich in einem rechten Winkel
geordnet. Ihr Glas war mittlerweile leer & der Wind fing an, unangenehm
durch die Tür ihrer Veranda hereinzufahren. Sie ging zu dem Regal neben ihrem
Arbeitstisch & nahm sich ein Paar der dickeren Wollsocken. Wieder zurück
im Sessel streifte sie die Socken über. Das war gar nicht so leicht, mit nur
einer Hand.
Mindestens drei
Wochen, hatte der Arzt mit den Knackarsch ihr gesagt. Dann solle sie zum
Röntgen kommen. Drei Wochen !
Sie
hatte zunächst keine Vorstellung gehabt, wie sie ihr Leben würde leben
können. Mit einem Arm in einem rechtwinkligen Gips. Der Arzt auch nicht.
Wie würde sie arbeiten
können, wie den Spül erledigen & wie sich den Hintern abwischen ?
All diese Dinge. Mittlerweile hatte sie
sich an einiges gewöhnt. An anderes wiederum nicht.
Sie könnte jetzt noch
einen Drink gebrauchen, aber irgendwo war sie viel zu matt. Wo, werden wir
möglicherweise später zusammen bekommen.
Digit schloß sein Rad
an die Laterne. Hitec für siebentausend Ohren an einer dieser
Straßenlaternen, unter denen wohl schon Lilil Marleen gesungen haben könnte,
& sicher auch einige ihrer ganz billigen Schwestern. Egal. Er war
ziemlich geschafft. Dieser Tag war fraglos & nachdrücklich in seinen
Knochen steckengeblieben.
Nachdem er sich einen
der Slams im Süden gegeben hatte, war er noch zu Gagga gefahren. Aber da
hatte es ihn auch schon bald wieder vertrieben. Manchmal war Gagga wirklich
einfach nicht zum Aushalten. Glücklicherweise wußte Gagga das. Und
glücklicherweise war das kein Problem zwischen ihnen. Dazu war ihre
Freundschaft einfach viel zu alt. Etwas, wovon andere vielleicht nur träumen
konnten, wenn er sich so umsah.
Digit lehnte sich,
gegenüber der Dönerbude, aus dem Dunkel heraus, an den Stromkasten & sah
ihr zu. Sie trug eine Schürze & er mochte die Schleife über ihrem Po. Der
war klein & fest. Zwei gute Hände voll. Das richtige Maß, wunderschön
anzuschauen, sich wohl zu fühlen & von Griechenland zu träumen.
Jedesmal, wenn sie
einen Kunden anlächelte, hätte er sie sofort heiraten können. Sie hatte diese
Magie. Und sie besaß diese merkwürdige Kraft über ihn. Aber das hatte er ihr
nie gezeigt, oder gesagt.
Zweimal war er ihr
bisher begegnet. Von ihr hatte er sein erstes Döner überhaupt gekauft. Das
war sehr angenehm & locker gewesen. Und sie hatte nicht nur gelächelt. Da
war auch noch ein, durchaus ungewöhnlicher Glanz in ihren Augen gewesen, als
sie ihm den Preis genannt hatte. Und es war dieser besondere Blick gewesen,
den er einfach nicht vergessen wollte.
Etwa eine Woche
später, in seiner Lieblingskneipe, hatte er sie dann wieder gesehen. Auf dem
Gang zu den Toiletten, genau in der Ecke mit den Kondomautomaten. Da hatte
sie gestanden & irgendwie durch ihn hindurch gestarrt.
Er war diese Situation
wieder & wieder in Gedanken durchgegangen, hatte sie auf seinem inneren
Bildschirm ablaufen lassen & dann immer mögliche Dialoge erfunden. Keiner
davon war allerdings auch nur annähernd realistisch.
Der sehr kleine
Japaner trat, kopfschüttelnd & mit großer Anstrengung, seinen
dreirädrigen Motorroller an & brutzelte, wild gestikulierend, im
Schrittempo in das, verlockend bunt & vielgestaltige, Gewühl des Marktes
hinein.
Ob er wisse, was sich
da denn nun genau abgespielt habe, hatte der sehr kleine Japaner von ihm
wissen
wollen. Gagga ganz &
gar nicht.
Manche von Smackjacks Zuträgern waren schon skurrile Hanseln. Aber
mittlerweile war ja nun wirklich alles zunehmend möglich.
Er hatte tatsächlich
nichts mitbekommen. Also was hätte er, dem sehr kleinen Japaner, sagen sollen,
sagen können ?
In derartigen
Situationen war er über gängige Mutmaßungen & Deduktionen, welcher Art
auch immer, weit hinaus. Wenn er nichts wußte, dann wußte er nichts. Und das
sagte er dann. Mehr aber auch nicht.
Worin er sich von
vielen anderen unterschied, hatte er immer wieder feststellen müssen.
Mitunter extrem. Und dann wurde es meist problematisch. Manche der Gestalten
um ihn her waren teils derart schräg drauf. Zum Bleistift all die, die in der
Weltgeschichte herumliefen, als wären sie die Allereinzigsten auf den
Bordsteinen, auf Haltestelleninseln, in Durchgängen & Passagen, welcher
Art auch immer. Abruptes Anhalten in einem der Mahlströme. Völlig overdreßte
Einjährige, in ihren Panzerwagen. Keine Gefangenen.
Und an manchen Tagen
kam er dann einfach nicht daran vorbei, sich mit einigen Exemplaren, aus
dieser absolut unglaublichen Dumpfbeutelbrigade anzulegen.
Möglicherweise
brauchte er diese Adrenalinkicks, er war sich da manchmal wirklich nicht
sicher. Jedenfalls änderte sich durch seine Einmischung nicht immer etwas.
Nun gut, er machte sich im Laufe der Zeit ein paar Feinde mehr, & wohl
auch ein paar Freunde. Aber das hätte er sicherlich auch billiger haben
können. Ziemlich Gagga !
Walk ging nach draußen
auf die Veranda. Er setzte sich auf die Couch & steckte sich eine
Zigarette an. Der Magnolienbaum hatte begonnen, die Blüten zu öffnen. Jetzt
würde es bald vorbei sein. In ein paar Tagen läge die ganze Pracht am Boden
verstreut. Das Leben würde weiter seinen Gang gehen, die Blätter nach &
nach verrotten. Es war ein schöner Tag. Der Himmel war vollkommen klar &
blau & warm.
Bereits in der
vorletzten Nacht hatte sich das Träumen bei ihm eingestellt. Gestern morgen
hatten seine aktuelle Wirklichkeit & auch der Strom seines Wahrnehmens,
damit begonnen, sich ganz entschieden in sein Manuskript zu entfalten.
Fünf Tage lang hatte
er sich kaum aus dem Haus bewegt &, wie eins dieser legendären,
hypnotisierten Kaninchen, vor seinem Bildschirm gesessen, um seinem Empfinden
nachzuspüren, die losen Enden zu betrachten & gegebenenfalls aufzunehmen,
oder aber, sie verrotten zu lassen, je nachdem.
Und zum ersten Mal
hatte er sich, neben dem eigentlichen Schreiben selbst, Notizen machen
müssen. Diese Geschichte war anders als seine früheren. Er konnte aber noch
immer nicht genau sagen, was dies Andere war. Und das hatte ihn dann zunächst
blockiert. Was jedoch keineswegs unangenehm gewesen war. Er hatte lediglich
das Gefühl, es müsse einfach noch ein wenig in ihm backen, bis es sich zu
erkennen geben könne.
Das waren dann immer
die Momente gewesen, in denen er sich kurze Breaks gegönnt hatte.
Telefongespräche, einen Gang an der frischen Luft mit einer
vorbeigeschneiten, lieben Seele, oder ein paar Biere & ein Gespräch, in
einer der näheren Kneipen.
Er bewegte sich noch
immer kaum aus dem Haus & saß, nach wie vor ein hypnotisiertes Kaninchen,
vor seinem, sehr kleinen Bildschirm. Aber es hatte begonnen, eine Gestalt
anzunehmen. Er sah inzwischen ein bißchen klarer. Niemals hätte er gedacht,
daß ihm so etwas in seinem Alter noch hätte passieren können. Er genoß seine,
fast kindliche, Freude darüber & würde wohl auch bald aufstehen, um
wieder nach drinnen zu gehen & ein paar weitere Seiten abzusondern. Ohren
Auf !
Er war einer der
Ältesten. Und er fühlte sich nicht gut. Er erhielt keine Daten mehr von
seiner Peripherie. Er wußte, daß es eines Tages so hatte kommen müssen. Es
fing immer auf die gleiche Weise an. Bei ihnen allen. Für jede & jeden
von ihnen kam der Tag, da erhielten sie keine Daten mehr von ihrer Peripherie.
Und dann bekam Zeit mit einem Mal Bedeutung.
Bislang als System zur
Orientierung akzeptabel & nutzbar, wurden die Älteren unter ihnen, eines
Tages, allesamt mit dem Aspekt der Endlichkeit von Zeit konfrontiert. Und von
diesem Tag an, begann ihre Zeit wirklich weniger zu werden.
Und obwohl er vieles,
sehr vieles gesehen hatte, & da einfach nichts wirklich Neues mehr zu
sein & aufschien, war sein Widerwillen so klar, wie nur wenige andere
Phänomene in seinem langen Leben. Was ihm jedoch rein gar nichts nützen
würde. Er konzentrierte sich wieder auf die Bilder vor seinen Augen.
Sie sah wunderschön
aus, wenn sie schlief. Lange Zeit hatten seine Augen jetzt schon mit ihren
Zehen gespielt, & auch einem kleinen Stück ihrer linken Wade. Bald würde
ihr Träumen beginnen. Und er war bereit. Er hatte vier Stunden über ihrem
Bett gewartet. Ihr Träumen barg etwas, das, wußte er, war kraftvoll
hilfreich. Und er war gekommen, um sich davon nun fluten zu lassen. Leise
hauchte er ihren Namen !
Sie räkelte sich ein
wenig unter ihrem Oberbett. Ihr Becken schaukelte sanft hin & her. Dann
streckte sich ein Arm von ihr fort. Hierbei kam der Gips zum Vorschein. Er
war neugierig, zu erfahren, wie sie sich das nun wieder eingefangen hatte.
Wieder hauchte er
ihren Namen, ihn nun leise & rhythmisch wiederholend. Der so hierbei
entstehende Gesang kam wie ein Kinderlied daher. Ihre Augäpfel schüttelten
die Füße locker. Gleich würden sie anfangen zu rollen & zu klackern. Und
dann würde er ihr Träumen durch sich hindurchziehen lassen.
Das war ein
unbeschreibliches Gefühl. Und bald würde wohl auch sie wissen, was es zu
bedeuten hatte. Sie würde sehen, wo es alles herkam. Und dann würde sie die
Ungebrochenheit der Linie sehen können. Draußen, in der Nacht, schrie eine
Katze & fauchte.
Sie hatte quasi direkt
nach der Geburt angefangen. Trommeln war ihr Ding. Als ihr Vater sich darüber
freute, daß sie im Alter von drei Jahren zum ersten Mal mit ihren Händen
einen Rhythmus schlug, & er sie dafür lobte, sprach er Sechsachtel. Sie
gluckste Fünfen & Siebenen darüber & es nahm seine Zeit, bis er es
wahrnahm. Anschließend war der Vater erst einmal einige Zeit still.
Neunzehn Sechzehntel,
Siebenen über Fünfen. Darum geht es nicht wirklich. Jamu wußte das. Jamu
hörte, seit ihrer Geburt. Und sie machte die Musik dazu. Es war ihr Herzblut.
Es war ihre Seele. Und ihre Ewigkeit.
Sie lebte ein stilles
Leben. Sie war viel unterwegs, sie trieb sich herum & sie ließ sich ein.
Sie meinte es ernst & sie liebte die Hinterhoflandschaft, in der sie
wohnte.
Ketscho hatte ein
einziges Mal in ihrem Leben bislang Glück gehabt. Mehr oder weniger. Es war
in einer dieser speziell hungrigen Nächte gewesen. Noch bevor sie zum
erstenmal Junge bekommen hatte. Es hatte sehr unglaublich verlockend
gerochen. Unbekannt aber fleischig. Und da war noch ein anderer Geruch
gewesen.
Ketscho hatte keine
Ahnung gehabt. Eine Pfote hatte sie sich verletzt bei ihrer Jagd nach der
Quelle des Geruches. Das Fleisch war dünne Scheiben & sehr hell gewesen.
Und in der
ebensolchfarbenen Flüssigkeit darum herum, da war dann wohl auch der Ursprung
dieses, so gänzlich anderen, Geruches. Irgendwie äußerst & unglaublich
trocken.
Ketscho zog, bei der
Erinnerung an dies, eigentlich durchaus wollüstige, Festmahl, unwillkürlich
den Kopf in den Nacken. Die Weißweinsoße war dem Kalbskopf von neuem Koch
etwas zu weinig gewesen als geraten.
Die Erinnerung daran
war eine starke.
Dieser Teil der Stadt
hatte etwas Befremdliches für ihn. Nachts durch diese Straßen zu gehen, war
etwas
Besonderes. Nicht wegen den Limousinen, den Messern & all den
merkwürdigen Geräuschen, die dem Halbdunkel dieser welken Hinterhöfe hier
entwichen. Jeder seiner Gänge in diesem Viertel, hatte das Zeug zu einer
Geschichte, zumindest aber reichte es allemal für einen glatten, kurzen
Einwurf.
Frettchen war kein
Reisender. Selbst war er nie in Marokko gewesen. Sein Marokko war hier.
Jedenfalls ein bißchen. Ein paar weitere, ausgesuchte Stücke hatte er, als
Tonträger, wohl in seiner Sammlung. Das war es dann aber auch schon.
Inzwischen kannten ihn
ein paar der Typen, die hier am Straßenrand zu Hause schienen. Jedenfalls gab
es nicht mehr dieses prekäre Aufsehen, wie zu Beginn seiner Züge in diese
Gegend.
Männer
unterschiedlicher Altersgruppen standen verstreut herum, klapperten mit ihren
Kettchen, rauchten & unterhielten sich. Immer wieder auch wild
gestikulierend.
Die meisten der
älteren trugen traditionelle Kaftane. Und wenn sie ihre Arme nach oben
reckten, konnte er jedesmal all ihre Pantoffeln sehen. Die Szenarien hier
erschienen ihm immer wieder wie die klapprig säuselnden Seufzer von etwas
ganz & gar schwermütig Unergründlichem.
Beim letzten Mal hatte
ihn einer der Männer gegrüßt. Und er war gespannt, ob sich das heute
wiederholen würde. Vielleicht gab es ja hier auch ein bißchen Kundschaft für
ihn. Er würde sich erkundigen, ob die Marrokkaner wußten, was eine gute Wette
ist. Dann würde er weitersehen. Er hatte mittlerweile gelernt, erfinderisch
zu sein, auch was das Überleben anging.
Ein Hoftor knarrte im
Wind, der Haken klapperte dumpf in der Öse, die in die Wand eingelassen war.
Er ging wortlos weiter.
Sie hämmerte dreimal
gegen diese grüne Stahltür. So, wie immer an Vollmond. Sie hörte die Hebel
der Verriegelung krängen & quietschen. Dann drückte Talayeh ihr die Tür
von innen auf. Blondie hatte ihr wieder etwas von seinem üblichen Mist
hinterhergerufen. Ja, eng an !
nachdem sie ihm zugeraunzt hatte, zu wissen, spät dran zu sein.
Sie war froh Talayeh
zu sehen. Die beiden brauchten sich nur anzusehen, dann ging es ihr direkt
besser. Ob es Talayeh ebenso ging, war ihr nicht klar. Da war etwas, in ihrer
Art wie eine Ausdünstung. Diesbezüglich, sie wagte nicht, zu fragen.
Sieben im Hut. Und wir
lassen gerade ein Jamuvideo laufen.
Nein, sie hatte nichts gehört. Und das war nicht Jamus Art. Aber
niemand wußte auch nur irgendetwas. Machmut wünscht dir alles Gute. Noch zehn
Minuten.
Sie drehte sich eine
ordentliche Tüte. Und als das Ding dann
angefangen hatte, zu traben, fing das Publikum an, kaum vorstellbar,
auf dies Jamuvideo abzufahren. Siebzig Leute johlten einem Video zu. Ohne
dafür bezahlt zu werden.
Sie küßte die kleine
Puppe, die Zussa ihr geschenkt hatte, als sie ihren siebten Geburtstag
feierte. Anna Log Niemals hatte auf der Torte gestanden, in der die Puppe
steckte. Es hatte aber noch etliche Jahre gedauert, bis Anna damit klarkam.
Zussa machte schon komisches Zeug.
Vor etwas über einem
Jahr war Zussa mit einem Mal plötzlich wieder aufgetaucht. Nach einer
längeren Tour zu irgendeiner Sorte wilde Männer. Wenn ich mich richtig
erinnere, im Himalaya. Und da war noch eine Frau, älter als Zussa, die
wartete auf Zussas Buch darüber. Das würde einigen Männern die Luft sehr dünn
machen.
Zussa war unermüdlich
unterwegs. Sie hatte Zugang zum Wissen. Und so kam es dann eines Tages dazu,
daß sie auf der Bühne gestanden hatte. Seitlich hinter Jamu, sehr
unscheinbar. Aber einer der Lichtderwische gab ihr einen Spot, während dieses
Video von Pimo Lafayette eingespielt wurde. Sie war reglos, wie das ganze
Team um Jamu, im Halbkreis. Und ein kleiner Berg Hände auf dem Fell, summend.
Dann war etwas Unerwartetes passiert. Zussa hatte angefangen zu brabbeln
& kurz später hatten sie dann unwiderruflich losgelegt.
Seitdem war Zussa
häufig mit diesem Team aufgetreten. Eine wirkliche Erklärung dafür blieb
allerdings unauffindbar. Bei den Jams stand Zussa mit den anderen zusammen
auf der Bühne, lange Zeit ohne sich zu bewegen, & immer ohne Headset.
Dann fing sie manchmal
an, sich im Kreis zu drehen & dabei zu brabbeln. Mit so geringer
Lautstärke, daß es wohl auch auf der Bühne kaum zu verstehen war. Im Raum
selbst jedoch garantiert nicht.
Es hatte auch
Auftritte gegeben, bei denen hatte sie sich gar nicht, oder einzig kaum
merklich bewegt. Doch auch nach solchen Takes verhielten sich alle, als sei
alles völlig normal gewesen. Es war schon merkwürdig. So hatte es auch in den
Zeitungen gestanden. Irgendeine Sorte Geheimnis, wohl.
Die Tonspuren gaben
auch nicht genug her. Zussa schien tatsächlich einfach nur vor sich hin zu
brabbeln. Manchmal, wie ohne Luft zu holen & in einem aufreibend
knatternden, gleichförmigen Singsang. Dann aber auch wieder, in diversen
& klar voneinander unterscheidbaren Tonlagen, dialogisch wirkend,
mitunter auch von kurzen, melancholischen Flügeln Gesang durchstreift. Aber
was hatte das zu bedeuten ?
Die Leute ihm Team
gaben auf Fragen diesbezüglich keine bedeutsamen Antworten. Zussa sprach
ohnehin kaum. Und wenn sie gefragt wurde, warum sie im Team sei, war ihre
Antwort stets einfach & dieselbe. Ja.
All das kannte Anna
aus Artikeln, Gesprächen & Geschichten. Sie sog all dies Zeug auf, wie
ein nimmermüder Schwamm. Und es war nicht einfach nur, um ihren Job gut
machen zu können. Auf irgendeine Art schien sie es offensichtlich zu
genießen, vielleicht auch zu brauchen. Das war ihr selbst klar. Und es ging,
bis auf Weiteres, sehr in Ordnung.
Der Sticki war
Geschichte. Sie atmete tief durch & fragte Talayeh, wie es mit der Zeit
aussähe.
Wie soll ich das
wissen ?
Wie soll ich wissen, wie die
Zeit aussieht. Ich habe die Zeit noch nie gesehen. Ich sehe immer nur Uhren,
Uhren. Überall Uhren. Aber die Zeit noch nicht. Ich weiß, daß Du das jetzt
nicht erwartet hast, & das Video ist in einer Minute zu Ende.
Dann ist es wohl genau
Jazz. Sie lächelte Talayeh zu & fühlte deren Erwiderung auf ihrem
Unterarm. Sie glitt durch den Vorhang & bewegte sich in die Mitte der
Traube vor der Projektionsfläche.
Zen Für Nichts war der
Titel dessen, was gerade lief. Jamu jagte & taumelte mit abgehackten,
immer wieder auch sehr weichen, Bewegungen hinter ihrem Set auf & ab
& kreuz & quer. Obere & untere Körperhälfte strebten, fast
unablässig, in, teilweise extrem, unterschiedliche Richtungen. Jamu machte
hierbei sehr wenig Töne, Geräusche, Klang. Der Schweiß lief in Strömen. Und
die, irgendwie kurzatmige, Leere dazwischen war erfüllt von ihren
Luftschlägen, mit den dünnen Sticks, & all ihrem anderen Tanzen. Dann
kamen noch drei Luftschläge & einer von ihren, genialisch unglaublichen,
Blicken in eine Kamera.
Die Leute um Anna her
waren noch einen, irgendwie viel zu langen, Moment vollkommen still. Anna
wußte nicht, was hier vor sich ging. Und dann fingen alle an zu klatschen.
Was nun wirklich sehr ungewöhnlich war. Jemand rief ihren Namen. Sie drehte
sich um. Hallo. Weißt Du , wo ist Jamu ? Es klang ein bißchen, wie ein
Gesang. Sie schüttelte den Kopf. Dann klickte sie sich ein & begrüßte die
Leute im Saal. Sie erzählte, was sie über Jamus Verschwinden wußte. Und das
war nichts Neues.
Sieben sind im Hut.
Sieben, heute Nacht. Der Tanz beginnt !
Das Spiel geht los.
Sieben sind im Hut.
Sie holte tief Luft.
Dann zog sie einen Zettel nach dem anderen aus dem Hut & las die Namen
darauf vor. Die sieben wurden begrüßt & erhielten ihre Headsets.
Sie holte Luft. Dann
fing es an. Ihre Stimme schwoll an & an. In eine Höhe, wie sie für
Delphine natürlich war. Und was die Lautstärke anging, zu dem, was die
Schallisolierung der Halle wegstecken konnte. Da waren die Bestimmungen sehr
penibel & ebenso befolgt worden. Aber es war immer noch viel zu laut, gar
keine Frage.
Beginnen wir mit einem
freundlichen Spiel. Wir teilen die Sieben in Drei. Das sind Drei & Drei
& Eins. Machen wir es erst einmal nett. Drei Geschichtenerzähler. Bitte
in den roten Kreis. Dankeschön !
Drei von Euch in den
weißen Kreis. Jetzt !
Jeder von Euch
ist zwei Erzählte. Wenn es soweit kommt. Einer ist noch übrig. Ganz still
& stumm. Er wird unser Joker sein. Dreimal darf der Joker jokern. Dann
ist Touchdown & Schluß. Und jeder der drei Joker bekommt eine Karte von
unserem bösen Liebling, Evangelista Hiob. Keine Zeitpunkte. Alles klar ?
Anna holte tief Luft. Dann rief sie Story
!
Und der Saal antwortete Slam !
Anna zog sich aus der
Kreisprojektion zurück. Auf dem Weg zur nächsten Wand sah sie Frettchen.
Frettchen war der Joker. Irgendwie war er ein Irrer, ein Spieler. Anna mochte
ihn. Der hatte was. Saß im Winter in seinem Wettbüro. Mit einem Gasöfchen
unter der hölzernen Theke. Und saß im Sommer in seinem Wettbüro. Barfuß in
einem Wassereimer, mit Coldpacks darinnen. Im Frühling war er immer viel zu
früh dünn an. Um zu locken, hatte er ihr mal gesagt. Und im Herbst war er der
Bunteste, einfach der Bunteste. Aber auch dann immer in seinem Wettbüro.
Er hatte einfach,
irgendwann in seinem Wahn, diese Idee gehabt, noch in der gleichen Nacht
alles durchgerechnet & befunden, daß er, bei vollem Einsatz, würde davon
leben können. Und jede Menge Leute ihren Spaß damit würden haben können. Er
müßte es nur noch tun. Also tat er es.
Sie hatte gehört, er
lebe in einer Kellerwohnung & daß er kein Fernsehen habe. Weil er ginge
lieber auf & ab & würde es austragen wollen, anstatt es mit Fernsehen
zu ertränken. Was auch immer es sei. Ein bißchen antiquiert. Aber vielleicht
ja
auch nur noch eine Geschichte,
über jemandem aus dem dreamTeam.
Legende & Wirklichkeit
waren kaum mehr zu trennen. In dieser Zeit. Die Vernetzung war so unerhört.
Nicht nur der Informationshaushalt wucherte schier endlos. In der gleichen
Weise steigerte sich auch der Mangel an Überprüfbarkeit all der existierenden
Information.
Da war dann der Raum
für die menschliche Komponente. In dieser Zeit. Die Vernetzung war so
unerhört. Glücklicherweise gab es mittlerweile genug vertraute, verläßliche
Knotenpunkte im Netzwerk. Die Vernetzung war so unerhört.
Seit Kurzem gab es
scheinbar sogar auch einen zuverlässigen Kurierdienst. Zumindest kursierten
seit einigen Tagen, immer mal wieder, Informationen diesen Inhaltes. Schon
komisch.
Manchmal verlor sie
mittendrin den Faden. In was ?
Egal
in was. Aber immer irgendwie mittendrin. Wie vom Esel getreten kollabierte
die Welt um sie her zu einer Furie, der der Ton abgedreht worden ist. Und es
gibt eine Spur mit der Furie, wie sie dasteht, sich bewegt & spricht,
& eine weitere Spur mit Standbildern & Sequenzen von blaustichigen
Bildern, die das dokumentieren, oder illustrieren, oder konterkarieren, oder
was auch immer, die Furie sagt.
Frettchen unterhielt
sich mit irgendeiner Tschikka & hängte seine Zunge dabei immer wieder
krank in seinen Drink. Er hatte wirklich etwas Skurriles. Keine Frage. Fragen
waren nicht immer sein Ding. Manchmal konnte er richtig fuchtig werden, in
seinem Longridermantel & mit der Nickelbrille.
Vakuum. Frettchen sah
sie an. Und sie dachte Vakuum. Lange Zeit. Frettchen spielte mit seiner Zunge
mit dem Strohhalm. Vakuum
Die Tschikka vor ihm
sah gut aus. Anna wäre eine Lügnerin, wenn sie etwas anderes behaupten würde.
Doch Anna log nie. Das wußten alle hier. Und auch sie sah gut aus. Das wußte
sie selbst. Zur Genüge. Und manchmal fand sie es einfach nur noch
Scheiße.
Manche Sorte
Männlichkeit saß so tief im Hirnstamm, da half einfach nichts weiter. Doch
etwas in ihr sträubte sich, genau das einfach nur deshalb, einfach
anzunehmen. Damit kam sie nicht klar. Und dann damit umgehen zu müssen. Damit
kam sie auch nicht klar.
Frettchen nickte ihr
zu, Anna erwiderte seinen Gruß, hatte dann aber auch die Wand schon erreicht,
& genoß dies wohltuende Unbeobachtetsein, weit außerhalb des Lichtkegels.
Und sie fing an, zuzuhören.
Sie hatten eine ungewöhnliche
erste Runde hingelegt. Das Publikum hatte applaudiert, gestampft &
gejohlt. Der Joker war noch ungespielt. Und das geschah äußerst selten. Aber
so hatten sie sich einmal Hiob im nächsten Spiel aufgeladen. Hiob ließ sich
nicht vermeiden.
Wovon abgesehen es in
der nächsten Runde nicht mehr ganz so freundlich zugehen würde. Das Publikum
würde mit am Start sein. Und das war hier einfach unberechenbar. Eins jedoch
war allen klar. Die Meute wollte es immer ganz genau wissen. Dann klopften
sie dich richtig ab. Und das machten sie mitunter auch
gemein.
Ein Teil der Szene
trat da erst gar nicht an. Es gab hier eine spezielle Art Magie. Doch wenn es
dir nicht möglich war, sie wahrzunehmen, dann konnte es dir sehr leicht
fallen, diesen Laden, als etwas äußerst Verwunschenes, meiden zu lernen.
Hier geschahen immer
wieder merkwürdige Dinge. Das Netz war voller Geschichten darüber, die
meisten davon wahr.
Unvergleichlich war
es, wenn Jamu hier spielte. Dann rasselte Gott in seinen Ketten & alle
wußten es. Die alten Männer, am Tisch unter dem Fernsehen, verstummten immer,
wenn Jamu zu spielen begann. Und sonst verstummten sie nie. Jeder von ihnen
hätte all seine Söhne, ohne zu zögern, in die große Schlacht geschickt, wenn
Jamus Unversehrtheit auf dem Spiel gestanden hätte.
Das war altmodisch,
sicherlich. Doch davon unberührt, gefiel ihr die besondere Art der Wärme
darinnen, wirklich sehr. Sie begegnete all diesen Alten mit Respekt. Nicht
nur, weil auch sie ihrer Musik & somit ihrer Vision Respekt zollten. Da
war noch etwas anderes. Es war in den Augen dieser Männer. Und es war gut.
Falls irgendein
durchgeknallter Geldheini eines Tages auf die Idee käme, Jamu einen Tempel zu
bauen, könnte sie, locker & dankend, ablehnen. Denn, wenn überhaupt,
irgendwo auf diesem Planeten, dann war dieser Ort hier ihr Tempel. Hier tat
sie ihren Dienst.
Er hatte während der
ersten Runde eine ganze Menge verkauft. So war es immer, wenn es gut lief.
Aber bei diesen Vollmond Leuten war es nochmal anders. Die meisten bewegten
sich, während der Show, langsam & lautlos durch den Raum. Sie brachten
die leeren Flaschen, wie selbstverständlich, zu ihm zurück & kauften sich
dann meist auch gleich eine neue. Einige von ihnen mit ziemlicher Schlagzahl.
Er hatte an diesen
Abenden nicht weniger zu tun, als an den meisten anderen, aber es war weniger
Laufarbeit, weil die Gäste zu ihm kamen. Er stand hinter der Theke, tat, was
zu tun war, & rauchte dabei eine ganze Menge.
Die Moderatorin fand
er sehr aufreizend. Sie trug immer sehr enge Sachen & manchmal konnte er
seinen Blick kaum von ihr lösen. Manchmal kam er sich dann völlig hilflos
vor. Dann mußte er immer grinsen. Und dann ging es meist erstmal wieder
einige Zeit.
Endlich kam Tala, um
ihn zu vertreten. Er mußte in den Kühlraum, mehr Bier holen. Er griff sich
zwei leere Kästen & machte sich auf den Weg. Es war voll. An so einem
Abend war nicht nur ein Großteil der Stammkundschaft hier, sondern noch bis
zu hundert Gäste, die extra wegen der Veranstaltung gekommen waren. Das
erreichte dann aber auch die Grenzen des Ladens. Mehr Leute waren nicht gut.
Es hätten noch mehr Menschen hereingepaßt, aber nicht bei einer
Veranstaltung, wie dieser. Da durfte es einfach nicht zu eng sein, sonst
stimmte die Chemie nicht.
Wieso eigentlich
Chemie ?
Das hatte er sich immer
wieder gefragt. Das hatte doch mit Chemie rein gar nichts zu tun. Es ging um
Magie. Und das war etwas ganz anderes als Chemie.
Er nickte Laurel zu
& drehte sich seitlich, um besser vorbei kommen zu können. Manche von
diesen Tschikkas waren wirklich wundervoll. Aber wenn er Anna sah, war das
einfach eine andere Liga.
Er stellte die Kisten
ab & fingerte nach dem Schlüssel. Mit einem Fuß hielt er dann die Tür
auf, während er sich die Kisten wieder griff. Nachdem er durch war, drückte
er die Tür mit seinem Rücken ins Schloß zurück & ging quer durch die
Halle.
Er hörte Geräusche aus
einem der Container. Ein metallisches Klappern, das gelegentlich auch mal
rhythmisch war, ein brummeliger Singsang & ein ab & an schwellendes
Stöhnen. Vorsichtig setzte er das Leergut ab. Jetzt nur kein Geräusch machen.
Er schlich zur Tür des
Containers. Warte !
Seine linke
Schulter schmerzte ihn. Eine Frauenstimme hatte dieses eine Wort gesagt. Er
hielt den Atem an, beugte sich ganz ganz langsam vor & lugte um die Ecke.
Da war Anna. Im Profil & sich mit ihrem Rücken gegen eine Wand reckend.
Die untere Hälfte ihres Kleides hielt sie zwischen den Fingern einer Hand
gerafft.
Er konnte nicht sehen,
wer da zwischen ihren Beinen kniete. Dazu war das einfallende Licht schon
viel zu fahl. Aber es war ganz offensichtlich, daß er Anna große Freude
bereitete. Ja, jetzt !
Machmut starrte
fassungslos auf diese Szenerie. Nun fing Anna an, ihre Brüste mit ihrer
freien Hand zu streicheln. Machmut fühlte einen Schwindel. Vorsichtig zog er
sich zurück, machte kehrt & schlich zu den beiden Kästen zurück. Dann
nahm er sie allerdings doch scheppernd wieder auf, begann ein Lied zu singen
& schlenderte gemächlich über den Hof zur Kühlkammer. Auf dem Rückweg gab
er sich dann ausgesprochen besondere Mühe, möglichst keine Geräusche zu
machen. Nur die Tür zum Laden, die ließ er dann wieder mächtig zuknallen. Er
schluckte, & es war nicht einfach.
Tala sah ihn an, als
er wieder an der Getränketheke auftauchte. He, Bruder. Sie legte ihre Hand
auf seine Wange, ganz sanft. Und irgendwie spürte er ihre Kraft, ihre Wärme.
Was auch immer es ist, nimm es. Nimm es an. Sie sagte komische Sachen für
eine Neunzehnjährige. Die Frauen in ihrer Familie waren etwas Komisches.
Manchmal schien es, wie eine Gabe. Dann auch wieder, wie ein Fluch.
Er drückte sie &
gab ihr dann einen Kuß auf die Stirn. Ja. Alles ist gut. Ich mache jetzt hier
weiter. Danke.
Anna kam grinsend
zurück & klickte sich wieder ein. Es war ein unglaublicher Zirkus. Er
hatte seine Vorteile. Und er hatte seine Nachteile. Es war, wie im richtigen
Leben. Und es war Geschichte. Jetzt sind wir wieder auf Sendung. Hier ist
Anna Log Nie.
MarroccanRoll you
now !
Runde Zwei. Kommt
herbei !
Schlangenbein &
Zungenfick. Die Erzähler jetzt hierher zurück !
So paarreimte sie sich
auf den Boden zurück, fand einen Sprechmodus & installierte das nächste
Spiel.
Zwei Erzähler, drei
Erzählte & zwei, vom Publikum, immer wieder neu, bestimmt. Madame Hiob
dann noch mit einem Freispiel ihrer Wahl.
Wie wäre es, wenn Jamu
entführt wurde. Verschleppt von weiß der Geier wem. Dunkle Machenschaften.
Das Große Geld. Neue Programme. Hiob eben.
Die meisten der Leute
im Publikum hörten nach etwa fünf Minuten auf, sich zu bewegen. Manche von
ihnen schienen nicht einmal mehr zu atmen. Ein Sturm tobte auffällig über dem
gläsernen Dach. Die Leute reckten ihre Köpfe. Sie nahmen ungewöhnliche
Haltungen ein. Da war auch die eine oder andere Zeitlupe. Es war ein bißchen
wie, vielleicht von einem anderen Stern, oder aus den Abgründen einer
Weltseele irgend. Glattweg zauberisch. Nach einer Viertelstunde bewegte sich
alles im Publikum synchron mit dem Sprechfluß des Spielens. Unglaublich.
Selten.
Anna wollte dann
abbrechen, war aber offensichtlich zu erregt. So ließ sie es laufen. Der
Touchdown kam nach guten ein&zwanzig Minuten. Keine Gefangenen. Der Abend
war riesig. Sie war durstig. Und so machte sie sich in dieser Pause auf den
Weg zu Talayehs Bruder, um sich eine größere Dosis Pernod abzuholen.
In der Pause lief
wieder ein Clip mit Jamu. Diesmal auf einer Rahmentrommel Reitend. Mit einem
merkwürdigen, leicht krummem, Stock. Und sie drehte sich so unablässig im
Kreise, wie sie die Trommel schlug.
Machmut starrte sie
an, als hätte sie ein Kind ermordet. Er bediente sie wortlos. Der Pernod war
so saukalt, wie er sein mußte, um richtig zu zwiebeln. Diesen Kick brauchte
sie. Nach so einer Nummer. Unbedingt. Sie lächelte Machmut an. Aber der sah
fast durch sie hindurch. Und nickte ausdruckslos.
Frettchen unterhielt
sich, offensichtlich ganz ausgezeichnet, mit zwei Tschikkas. Sie war sich
nicht sicher. Aber es hatte schon zweimal ungefähr so ausgesehen, als linste
er zu ihr herüber. Sie saugte an ihrem eisigen Anis & gab sich fröhlich,
einigen ihrer kühneren, Phantasien hin.
Die Leute um sie her
wirkten fast schon geschäftig. In den Pausen stieg der Aktivitätslevel
mitunter extrem an. Ein, sehr chaotisch wirkender, Mahlstrom Gesten &
Sprechen brandete zwischen den Mauern hier, bildete kleine Strudel,
gelegentlich auch Hektisches.
Gerade passierte etwas
im Eingangsbereich des Cafés. Jemand wurde freudig begrüßt. Ein Stuhl fiel
um. Tee ?
Über ihre Schulter blickte
die Frau hinter der großen Theke in Richtung des Eingangs. Dann wurde es
vorne wieder etwas ruhiger.
Anna beschäftigte sich
wieder mit dem Anis. Fast schon nicht mehr kalt genug. Sie trank schneller.
Die Uhr bewegte sich auf Elf zu. Es war an der Zeit. Machmut drehte sich
abrupt von ihr fort, als sie das leere Glas abstellte. Sonst war er ganz
anders. Was war nur mit ihm los ?
Frettchen hatte die
Kamera aktiviert. Vielleicht wußte der alte Smackjack, oder irgendwer im Netz
ja, wer dieser Typ war, der da eben, mit einem schweren K-Baß-Koffer, zur Tür
herein gekommen war. Sie hatten dem großgewachsenen Typen & dem Koffer
den zweiten Flügel aufhalten müssen, sonst wäre
womöglich etwas von all dem Material steckengeblieben. Er
schien kein Unbekannter zu sein. Leute steckten die Köpfe zusammen &
drehten sie. Sogar einige der Alten, unter dem Fernseher, nickten ihm zu.
Es war ein sehr
knochiger Typ, breit & kantig. Nicht muskulös, aber trotzdem breit &
kantig. Mit großen Händen. Und so eine Frisur hatte Frettchen noch nie zuvor
gesehen. Kahlgeschoren, bis auf vier Stellen. Da saßen schwarzschwarze
Dreads. Die am Hinterkopf mußte fast einen Meter lang sein. Vorne, links
& fast auf der Stirn, ein kurzes Ding, gebogen wie das Horn eines
Ziegenbocks. Die anderen beiden waren rechts. Eine vorne, über dem Ohr. Die
andere ein Stück dahinter. Beide reichten bis kurz über die Schulter.
Der Typ trug ein
blaues Tshirt mit Dreiviertelärmeln & eine ebenblaue Hose, mit sehr
weiten Beinen, an breiten, roten Trägern. Seine Augen mußten ebenso schwarz
sein, wie sein Haar. Frettchen sah, dann & wann, das Weiße darum herum
leuchten.
Hattja, der Taubstumme,
fragte ihn mit Gesten nach dem Inhalt des riesigen Koffers. Der Typ spielte
pantomimisch Geige & ließ diese Geige dann wachsen. Hattjas Augen
schienen hierbei irgendwie mitzuwachsen. Als wollte er es gar nicht fassen.
Er forderte den Fremden jedoch nicht auf, zu spielen. Und irgendwie schienen
die beiden sich zu kennen. Dann schob sich eine Dreiergruppe vor die beiden.
Auf dem Weg zu den
Toiletten sah er Anna eine gelbliche Flüssigkeit zu sich nehmen. Das Glas in
ihren Händen war fast leer. Er würde sich beeilen müssen. Sie sah ganz danach
aus, als würde sie sich, während eines ihrer nächsten Atemzüge, wieder
dazuschalten. Dann würde es in eine längere Runde gehen. Sie alle würden dann
ein Solo haben. Die Vorgaben hierzu kämen von den jeweils anderen sechs
Personen, die im Spiel waren.
Als er die
Toilettentür erreicht hatte, hörte er, wie Anna wieder anfing, die
Aufmerksamkeit zusammenzubringen. Darin war sie wirklich gut. Er würde sich
beeilen müssen.
Smackjack hatte diesen
Kontrabassisten noch nie gesehen. Er gab ein gutes Standbild mit ein paar
schnellen Klicks & einem entsprechenden Text ins Netz. Jetzt hieß es,
weitermachen. Nicht warten. Nicht warten, was die Suche ergeben würde.
Smackjack war Profi, seit langem.
Das wichtigste zur
Zeit war, ganz offensichtlich, Kontakt zu Jamu zu bekommen. Aber es gab noch
nicht einmal den Hauch einer wirklichen Spur. Der Hinweis von jemandem, der
sagte, er habe eine Nacht mit Jamu verbracht, hielt genau 37'. Dann löste er
sich komplett auf. Denn da hatte sich dann noch ein zweiter Kerl gemeldet
& Nämliches behauptet.
Smackjack hatte für
Derartiges einen Riecher. Er spürte es körperlich, wenn etwas mit einer
Nachricht nicht in Ordnung war. Er hatte diese Gabe schon von kleinauf. Es
war nicht immer leicht gewesen, sich dem zu stellen. Aber, es nicht zu tun,
war niemals tatsächlich hilfreich gewesen.
Inzwischen hatte er
sich daran gewöhnt. Und in seinem Job war diese Gabe das Kronjuwel. Alle, die
es wissen mußten, wußten von dieser speziellen Fähigkeit. Von der, sehr
besonderen, Qualität von Smackjacks Riecher, besonders eben, was Nachrichten
anging.
Er hatte diese Station
vor drei Jahren gekauft. Es lief gut. Er konnte von den Einnahmen leben &
seinen Agentinnen & Agenten mittlerweile sogar etwas für ihre Arbeit
zahlen. Das war auch nicht unbedingt üblich in der Branche.
Er war eine
Institution, in gewissen Dingen. Da lief dann auch kaum etwas, ohne ihn
vorher um seine, ganz persönliche, Meinung gebeten zu haben. Er hatte sich
diesen Respect erarbeitet. Langsam & allmählich.
Jetzt würde er Walk
kontakten. Vielleicht konnte ihm dieser eigenartige Alte ja auf die Sprünge
helfen, was Jamu betraf. Er hatte sich mittlerweile dazu durchgerungen, Walk
anzurufen. Obwohl er dessen Wunsch, nach einem ruhigen Leben im Außerhalb,
wirklich nicht nicht respektieren wollte.
Er wußte, es war ein
Geschenk für ihn gewesen, als Walk mit ihm gesprochen hatte. Und wenn Walk
das nun wieder tun würde, wäre dies Gespräch auch wieder, vor allem anderen,
ein Geschenk.
Leute, es ist mal
wieder soweit. Smackjack wird jetzt mit einem von den Engeln sprechen. Ich
habe mich vorbereitet. Ich habe meine Steine, die Feder & mein Headset.
Ich bin reinen Herzens. Und ich habe eine einzige Frage. Wo ist diese Frau ?
Er spielte einen Clip
von Jamu ein. Es war eine 15'37'' Reise in eine der ferneren Welten. Er
aktivierte das Telefon & sang Walks Nummer in das Mikrophon. Es klickte
zweimal. Da war schonmal das Freizeichen. Er nippte am Rotwein & drehte
sich etwas zu rauchen. Gutes Zeug. Freizeichen. Und genau in dem Moment, in
dem er den Sticki anrauchte, klickte es.
Smackjack hustete, als
ginge es um sein Leben. Zum Glück hatte er sich nach der vierten Welle wieder
unter Kontrolle. Geht es jetzt besser ?
Entschuldigung, hier
ist Smackjack. Meine Lunge ist gerade überfallen worden. Aber es geht schon
wieder. Bitte Verzeihen Sie die Störung. Und vielen Dank für ihr Gehör. Ich
suche eine Antwort. Wo ist Jamu ?
Es atmete in der
Leitung. Smackjack hatte den Eindruck es atmete durch sein linkes Ohr in ihn
hinein, & verpuffte dann, bevor es zum rechten wieder hätte
herausschlüpfen können. Wieder & wieder. Schließlich kurz überlagert von
einem Brummen skurriler Güte. Dann hörte er Walks Stimme.
Das ist lustig. Kein
Grund zur Sorge. Es ist lustig. Niemand muß sich Sorgen machen. Jamu wird es
erklären. Alle werden es verstehen. Macht euch keine Sorgen mehr. Das ist
lustig. Sag Jamu bitte, sie soll mich anrufen, wenn sie wieder aufgetaucht
ist. Danke !
Bitte, jetzt.
Smackjack bedankte
sich, entschuldigte sich noch einmal, wurde hierbei jedoch von Walk
unterbrochen. Es ist schon in Ordnung. Es ist lustig. Schnitt.
Er hatte noch über
fünf Minuten, bis zum Ende des Clips. Er raste zur Toilette, sprang über den
Karton mit den Videos, erledigte sein Geschäft, kam zurück, blickte nicht auf
die große Uhr, setzte sein Headset wieder auf, zündete sich eine Zigarette an
& blies den Rauch über die letzten Töne des Clips.
Gut, daß Ihr auch
wieder hier seid. Ich weiß nicht, ob euer Trip so gut wie meiner war. Ich
sprach mit dem Alten Engel Mitternacht. Er atmete durch mein linkes Ohr,
direkt in meinen Konzertsaal Kopf. Ich sah dort Bilder auf der Innenseite
meiner Schädeldecke. Alles ist gut. Jamu wird sich melden. Das hat mir der
Engel Alter Mitternacht verraten.
Jetzt wird es
weitergehen. Es läßt sich nicht aufhalten. Es muß weitergehen. Aus der
Abteilung Oldies jetzt Allen Ginsbergs erste öffentliche Rezitation seines
Klassikers Howl. In einem Gerichtssaal. Während einer Verhandlung.
Er drückte die
Gotaste. Was er ihnen nicht gesagt hatte, war das, was ihn irritierte. Walk
wußte offensichtlich auch nicht, wo Jamu sich zur Zeit aufhielt. Aber dieser
Alte wußte viel. Und es war gewiß mehr als eine Ahnung, die Walk veranlaßt
hatte, zu sagen, was er gesagt hatte.
Das Telefon schaltete
sich dazu. Smackjack
klickte sich
ein. Nein, ich kann ihnen nicht sagen, wie es dazu kam, daß es von dieser
Szene im Gerichtssaal ein Video gibt. Ich weiß auch nicht, wer es gemacht
hat. Dort, wo die Aufnahmekamera stand, war nur eine Wand. Niemand weiß etwas
Genaues. Diese Nachricht ist von Smackjack.
Der Clip lief weiter.
Red kam zur Tür herein. Die Ereignisse überschlugen sich. Und sie war noch
müde, von der Party, letzte Nacht. Ob sie mal auf seine Toilette könne. Sie
berührten sich, als sie wieder verschwand. Er stellte die Tüte Kroepoek
sachte neben den Monitor auf seinem Tisch. Red war wie eine Blume, die gerade
begonnen hatte, ihre Blüte zu öffnen. Düfte streiften ihn. Und er liebte gute
Zeichen.
Also weiter im Text.
Ginsberg hatte fast fertig.
Imamu Amiri Baraka.
Der Mann, der seinen Sklavennamen
abgelegt hat. Zusammen mit Roswell Rudd, John Tchicai, Lewis Worrell &
Milford Graves. Black Dada Nihilismus, in Tchicais No 6.
Amiris Stimme &
ein Baß, in höheren Lagen. Milford genial irgendwo, querab. Wie ein sich
ausbreitender Nebel. Mit der Zeit immer wieder unruhig aufstoßend. Warum
mußte Red eigentlich immer diesen kaltweißen, verdammten Klodeckel
runterklappen, wenn sie fertig war ?
Da wuchs das Grüne nur schneller, zumindest in seinen Breiten.
Frettchen kam in die Leitung.
Auf der Herrentoilette
sei ihm Unergründliches wiederfahren. Seine Kamera habe ausgesetzt. Wo der
Fehler läge. Gibt es etwas über Jamu ?
Smackjack hatte keinen
Bock auf Unergründliches aus einer Herrentoilette. Davon abgesehen, suchte er
ohnehin nach noch einem Jamuvideo. Er schickte Frettchen zurück in den Orbit.
Ihm blieb keine Zeit. Also ließ er wiedermal einen Anker fallen. Auf sein
Signal hin wurde ein Backup aktiviert. Er sah rüber auf den Timer. 5'13''.
Das war in Ordnung. Bis dahin würde er etwas Passendes mit Jamu gefunden
haben. Nur, womit sollte er Buße tun ?
Jedes Backup verlangte Buße. Das war Teil des Spiels.
Das Telefon leuchtete
auf. Da war ein Typ in der Leitung. Es ging ihm nicht gut. Er war vierzehn
Tage unterwegs gewesen. Ohne Grenzen oder Unterbrechung. Morgen sei sein
Urlaub zu
Ende, müße er wieder in die
Knochenmühle. Smackjack schwieg lange Zeit & ohne zu atmen. Da war nichts
auf der Tonspur.
Dann konnten alle
seine Stimme hören. Laß uns Morgen weiterreden. Kein Scheiß. Und alles Gute
!
Musik, fade in.
Er mochte es nicht,
nackt dazustehen. Er konnte es, aber er mochte es einfach nicht. Das war
nicht professionell. Und dieser letzte Anruf hatte Smackjack vielleicht ein
paar Punkte gekostet. Andere mochten ihn als jemanden erlebt haben, der auch
nicht auf alles eine Antwort weiß. Und fanden so ihre, bereits bestehende,
Sympathie bestätigt. Es war offen. So war die Welt nun mal.
Sie legte den Hörer
wieder auf. Er würde sich sicher während der Sendung noch bei ihr melden.
Aaron rief nach ihr. Er hatte Fieber. Er war ihr ein & alles,
mittlerweile acht Jahre alt. Ihn liebte sie. Sie hatte einen Lover, aber der
hatte keine wirkliche Chance. Sie liebte Aaaron. Wie eine gute Mutter ihren
einzigen Sohn nun eben liebt. Sie stand auf & ging nach nebenan.
Aaron schlief, drehte
seinen Kopf ein wenig hin & her, war völlig durchgeschwitzt. Wurde nicht
wirklich wach, griff nach ihrer Hand & schloß seine Augen wieder.
Andere hätten das
Perlen des Schweißes auf seiner schwarzen Haut als irgendwie fremd empfunden.
Das war noch immer so. Manchmal tat es Aaron weh. Sie gab ihm Kraft. Und er
gab es ihr zurück. Sie lachten miteinander. Und sie redeten. Viel, wenn es
viel zu Reden gab.
Smackjack war ein
komischer Heiliger. Ein Freund ihres Bruders. Merkwürdige Szene. Aber nicht
ohne Faszination. Um es mal mit einem PRwort zu belegen. Es zog sie an. Sie
verstand es nicht & es zog sie an. Sie hätte nicht sagen können, was
genau & warum, aber sie fühlte es. Ganz klar.
Doch wenn sie ihn
gelegentlich darauf angesprochen hatte, war seine Reaktion immer durchaus
extrem gewesen. Schneller Schnitt. Es war offensichtlich etwas, über das er
nicht reden wollte. Vielleicht kam er damit nicht klar. Doch das war nur ein,
sehr vages, Gefühl ihrerseits.
Ein Stück aus einem
Konzert von Jamu. Zu Beginn Schnitte, so schnell & unerwartet, wie die
Musik. Selbst. Auf Flügeln. Es war improvisierte Musik, wie alles von Jamu.
Aber es war nicht völlig frei. Es gab immer mindestens eine kleine Anzahl
einfacher & klarer Spielregelö. Zum Beispiel, neben anderen, die, am
Schluß einmal kräftig da Neben zu hauen. Ö !
Das war jetzt
vielleicht kein gutes Beispiel, aber es hatte auch einige Zeit gedauert, bis
die Leute angefangen hatten, Jamu zuzuhören.
Wieder & wieder
war sie ungefragt aufgetaucht & hatte ihre Musik gemacht. Vor
Supermärkten, auf Parties, im Park, bei Kundgebungen & anderen,
politischen Veranstaltungen, in Kneipen & auf Plätzen. Bis die Polizei
kam. Und auch dann noch unermüdlich.
So kannten einige Zeit
später viele Jamu. Die Trommlerin. Ja, die Trommlerin.
Sie spielte traurige
Lieder. Sie lachte mit dir & sie trieb dich weiter. Sie zerrte dich in
einen Krieg, der von vornherein verloren war. Sie schnippte mit dem Finger
& du wußtest, du würdest tanzen. Sie machte Sachen, die niemand verstand.
Was aber nicht an den Sachen lag, sondern an den Verständen. Nicht nur an
ihrem, der sie manchmal Dinge verkomplizieren, oder einfach nur verdichten
ließ, sondern auch an denen jeweiligen Gegenübers.
Er wußte, sie übte
sich hart darin, klar & einfach zu spielen. Da waren aber einfach zu
viele Geister in all ihren Instrumenten, & ihre Kraft. Es war immer
irgendeine Sorte Gratwanderung. Jamu war eigentlich immer Selbst. Auf
Flügeln. Auch, wenn sie diese sehr erdigen Sachen spielte. Aber das war es
wohl auch, was jene ganz spezielle Faszination ausmachte, die von Jamus Musik
ausging. Und ganz natürlich auch von Jamu selbst.
Wo war sie nur
abgeblieben ?
Es war einfach nicht
ihre Art, unauffindbar abzutauchen.
Trickster saß mit
einem Ausdruck seiner vorletzten Prosaarbeit am Fluß. Es gab da diesen
versteckten Strand, kaum fünfzehn Minuten von seiner Wohnung entfernt. Auf
geradem Weg zum Ufer & dann stromauf & über eine Fußgängerbrücke, die
mit Holzplanken belegt war.
Dann einfach nur noch
ein paar Meter weiter geradeaus & schließlich von der Dammkuppe in den
Sand
hinab. Dieser Ort war sehr klein & konnte vielleicht deshalb sein, wie
aus einer anderen Welt. Dieser Ort war wie aus einer anderen Welt &
konnte vielleicht deshalb auch nur sehr klein sein.
Er hatte diese
merkwürdige Geschichte, eine Sammlung von Einseitern, vor etwa anderthalb
Jahren geschrieben. So genau wußte er es nicht mehr. Es war die Zeit gewesen,
direkt nachdem seine langjährige Schreibblockade gefallen war. Es war einfach
so passiert. Und er hatte geschrieben, wie ein Besessener. Jede Nacht &
wild
durcheinander.
Bei einer ersten
Sichtung war ihm dann aufgefallen, daß ein
Teil des Prosamaterials miteinander korrespondierte. Er hatte dann all
das Korrespondierende ausdrucken lassen, jedes der Blätter durchgelesen, dann
die Blätter in eine Reihenfolge gebracht & sie zuguterletzt alle
fortlaufend als Teile der Generation Eins gekennzeichnet.
Dann hatte er spontan
eines der Blätter ausgewählt & es überarbeitet, erweitert, oder aber sich
von ihm inspirieren & forttragen lassen. So lang & weit &
vielschichtig,
als nur irgend möglich. Und so war er mit jedem Blatt der Generation Eins
verfahren. Auf diese Weise entstand Generation Zwei.
Mit ihr verfuhr er auf
die grundsätzlich selbe Weise. Die Häufigkeit von Berührungen nahm dramatisch
zu. Und mit der vierten Generation war dann, mit einem Mal, ein Maß an Dichte
& Verflochtenheit all der, so entstandenen, Einseiter erreicht, die ganz
eindeutig selbstgenügsam war.
Während des Schreibens
war ihm zunehmend klar geworden, daß diese Arbeit nur der erste Band, eines
Zyklusses war, der aus wahrscheinlich vier Teilen bestehen würde.
Der zweite Teil war
bei jener ersten Sichtung quasi von selbst entstanden. Er bestand aus
Ausarbeitungen der restlichen, nicht mit den Texten der Generation Eins
kompatiblen, Prosa. Fertig.
Diesen zweiten Teil
hatte er nicht dabei. Er stach von den anderen vieren klar ab, war er doch
eine Sammlung von nicht wirklich miteinander verbundenen, kurzen Geschichten.
Und genausowenig hatte er den dritten & vierten Teil dabei. Aber aus
einem anderen Grund. Es gab sie noch nicht.
Lediglich ein paar
wenige Seiten existierten, über das hinaus, was Trickster nun, mit diesem
ersten Teil, in seinen Händen hielt. Und genau da wollte er sich nun wieder
reinschaffen.
Eine skurrile,
unpassend & angenehm ruhige Geschichte, die auf verschiedenen Ebenen
gleichzeitig geschah & sich mit den Phänomenen des Wahrnehmens &
seiner Gestaltwerdungen beschäftigte. Das Gerüst der Geschichte waren eine
Vielzahl, größtenteils ungeklärter, Abhängigkeiten vieler der, von ihm
erzählten, Figuren.
Er wußte selbst noch
nicht genau, was da alles abging. Und deshalb wollte er es weiter schreiben.
Und um das machen zu können, mußte er sich erstmal wieder mit dem befassen,
das von dieser ungewöhnlichen Welt bereits schon von ihm in die Existenz
geschrieben worden war.
Also hatte er sich
einen Ausdruck gezogen, eine Flasche Wasser & die Höhlenlampe
dazugepackt, seine Zigaretten & sein Dope eingesteckt & war
losgezogen. Eigentlich hatte er heute abend zu der Jam gehen wollen die Anna
Log moderierte, aber das hier war wichtiger.
Trickster freute sich
schon sehr darauf, ein paar neue Fährten auszulegen, Verwirrung &
Vergnügen zu stiften. Gemeinsam mit Mogwai, dem Arzt & dem Großvater,
sowie allen anderen in dieser buntschillernden Seifenblase.
Trickster warf seinen Laptop an & klickte sich auf Smackjacks Lifeside. Anna sagte gerade das letzte Eins Von Sechs ab |