2. Drumbon

 

 

 

DrumBoneIn

 

 

Ihr letztes Haar lag in der Schatulle unter dem Bett. Die hatte sie, längere Zeit schon, nicht mehr hervorgeholt, um das Haar herauszunehmen & dann, gegen die Abendsonne gehalten, zu betrachten. Es gab hier andere Dinge, die ebenso voller Erinnerungen waren.

Ihr Rücken schmerzte seit etwa einem Jahr mehr & mehr. Es tat sehr weh, wenn sie sich bückte. Und so hatten ihre furchen Hände schon geraume Zeit nicht mehr das Holz & die Beschläge der Schatulle gefühlt. Was aber eigentlich auch nicht wirklich nötig war.

Die Maserung zu sehen, bereitete ihr keinerlei Problem. Sie mußte nur ihre Augen schließen, um sie vor sich zu sehen. Und dann erinnerten sich ihre Hände auch immer wieder. Mit der gewohnten Leichtigkeit. Ein ungemein feines Gefühl, bei gemächlichem Tempo.

Ähnlich, wie mit den Fingerkuppen einer Hand am Metall des Kopfteiles ihres Bettes entlangzufahren, oder eine der feineren Streben mit einer Hand zu umklammern.

Sie begann ganz sachte zu schaukeln. Der Stuhl unter ihrem, sehr knabenhaften, Hintern knarrzte dann & wann, in einer der tieferen Lagen.

Ihre Hände fingen an, sich, über ihr Atmen hinaus, zu bewegen. Das Rasseln der Schellen setzte ein. Zugegeben eine minimale Musik. Aber so liebte sie es. Allmählich wurde nun auch ihr Atmen hörbar, entfaltete sich aus ihrer Ruhe heraus. Das erste Zucken eines ihrer langen Finger ließ den ersten Ton der Trommel erklingen.

Eines Tages waren sämtliche Vögel rundum verstummt, nach dem ersten Ton der Trommel. Und dann hatte sie begonnen, zu spielen, die Geister der Vögel zu preisen, & jeden Stamm. Das war ein ganz besonderer Tag gewesen.

Seitdem hatte sie, immer wieder mal, mit den Vögeln hier, gemeinsam Musik gemacht. Vogelmusik zumeist.

Das letzte Mal war jedoch anders gewesen. Etwas war da völlig mit ihr durchgegangen, wob sich ein archaisch fordernder Teppich ihrem Trommeln aus. Obertöne, zauberischst .....

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

DrumBonzWei

 

 

Wenn er tanzt, haben seine Bewegungen etwas überall & aus Enthusiastisches. Von der Wortwurzel her. Seine Stimme rollt vornehmlich tief, wenn er rezitiert, oder auch anders trunken ist. Und auch sein Trommeln ist Trance Tanz, Lachen & Zaudern. Taumeln. Irren & verWirren.

Wenn er beim Tanzen die Augen schließt, kann einfach alles geschehen. Wenn es beim Schreiben geschieht, ist Dasein Urwald, tausendGrün, Gekreisch & Flattern.

Trommelt er, ist bestenfalls jeder Ton wie ein Tropfen in ein, sich endlos ausdehnendes & dennoch irgendwie stehendes, Gewässer. In endlos schwarzem Raum, gut aufgehoben.

Dort ist die Kraft das Trommeln & Sprechen & Tanzen der Anfang.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

DrumBoneDrei

 

 

 

In unseren Rasseln

singen Samen

der Zukunft

 

rasseln

Pflanzensamen

Geist

Kraft

 

Trommeln &

Knochen, singt !

 

Singt Sonne & Mond

den Alten

& all dem, das

älter ist als alt

 

Regen

& Geburt &

Tod

 

Singt denen, in deren

Fußspuren wir sind

 

Singt dem Geist &

der Kraft

 

& Trommeln & Rasseln

& Knochen

Bis Morgengrauen

 

 

 

 

DrumBonvIer

 

 

 

Tier

häute, geist

gespannt, geschlagen

 

darm gezupft

Geheimnisse. Aneinander

geschlagen

Hartholz klackt

 

AmeisenTraum

Zeitraum

zeiTraum

Traumzeit

 

Das Träumen

dem Träumen

träumen

 

Permutationen, gamelanisch

das Endlose sich Entfalten des Pulses

Mutter aller Rhythmen

& Atmen des Lebendigen

 

säuselnd, brausend auf

brechend & ver

rückend

ent &

zauberisch

 

Ausatmen trommeln

 

 

 

 

DrumBoneFünf

 

 

 

 

Zussa begann, sich im Kreis zu drehen.

Zussa drehte sich im Kreis.

Gegen die Uhr.

 

Und nun bewegten sich auch ihre Lippen.

 

Die anderen auf der Bühne rückten näher.

Frettchens Phrasierung paßte sich ihrem Murmeln an.

 

Etwas ereignete sich in ihren Murmelpausen.

Etwas ereignete sich in seinen Sprechpausen.

 

Etwas atmete, kaum mehr als lautlos.

Sie konnten es alle spüren.

Ohne Erklärung.

 

Es gab keine Erklärungen.

 

Und als die allgemeine Aufmerksamkeit sämtliche Münder im Raum öffnete, war es schon wieder vorbei. Zussas Lippen lagen wieder locker miteinander. Das Drehen hielt noch eine Weile an. Bis Frettchen verstummte. Und dann

 

 

 

 

TakeSix

 

 

 

Bei ihnen wurden die Balafone von den Großvätern geschenkt. Jeder Mann hatte dafür zu sorgen, daß jeder seiner Enkel ein Balafon bekam. Und nicht irgendeines. Dieses Balafon mußte selbstgebaut sein. Das war für manch einen zwar ein Problem, für andere jedoch ein Broterwerb.

Das Balafon war Teil seiner frühesten Erinnerungen. Ein immenses Möbel, das er eines Tages tatsächlich erklommen hatte. Erst viel später hatte er dann herausgefunden, was dieses Möbelstück eigentlich war.

Diese Meinung hatte er zwar vor kurzem revidieren müssen, aber bis dahin war sein Balafon ihm nicht lediglich einfach nur ein Musikinstrument gewesen, sondern, weit darüber hinaus, auch viel von dem, was eigentlich nur Menschen einander sind. Oder, besser gesagt, was Lebewesen, nicht nur einer Art, einander sein können.

Oft hatte Großvater ihm gesagt, warum er ausgerechnet ihm ein Balafon mit ein&zwanzig Tönen gemacht hatte. Drei mal Sieben. Ganz einfach.

Das Instrument war ein Monstrum, zumindest innerhalb seines Horizontes, gewesen. Und es mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu transportieren, bedurfte auch jetzt noch großen Gleichmut & ebensolcher Anstrengung.

Er hatte das einmal getan. Nicht, daß er sagen könnte, das sei bereits einmal zu viel gewesen. Eine Erfahrung ist eben eine Erfahrung ist eine Erfahrung. Aber diese ganz spezielle dann doch hoffentlich & bitte auch zum letzten Mal.

So war er nämlich bereits völlig durchgeschwitzt, als er ankam, wo er aufzutreten hatte.

 

 

Entenwilli bestellte sich gerade den ersten Kübel Pina Colada des Tages. Die Leute von der Müllabfuhr streikten nun schon fast eine ganze Woche lang. Bald würden die Geldsäcke sich beschweren. Auf ihre eigene, unglaubliche Art. Aber ihm konnte das egal sein. Er saß einfach nur da, mit dem dreckigen Baseballschläger in der Hand, & machte eine weitere Verschnaufpause.

Rattenfang war ein anstrengender Job, keine Frage. Aber er hatte keine Wahl. Er brauchte das Geld. Vielleicht nötiger, als ein Junkie seinen Stoff nötig brauchte. Lee hatte auch ihn am Kanthaken.